Technologielösung, die sich der Realität stellt

Aktualisiert: 22. Dez 2020

Verständliche Sammelsysteme für Konsumenten zu etablieren, die auch im Recyclingprozess funktionieren, ist gar nicht so einfach. Bislang sah die beste Lösung so aus: Entweder getrennt sammeln oder anschliessend sortieren. Doch dieses Vorgehen hat diverse Schwachstellen: Oft verstehen oder akzeptieren Konsumenten die Trennung bei der Sammlung nicht. Oder die Sortierung läuft nicht sauber ab. In beiden Fällen wird die Sammlung durch falsche Materialien gestört. Mit verheerendem Nachteil für das Recycling. Deshalb kommen jetzt verstärkt Technologien ins Spiel, die einen etwas anderen Lösungsweg gehen – denn dieser setzt an innovativer Stelle im Kreislauf an.


Michael Brandl, Geschäftsführer von EXTR:ACT im Interview mit PRISMA.

Herr Brandl, was hat es mit den innovativen Technologien der Faseraufbereitung auf sich?

Verschiedene Papierverpackungen haben stets unterschiedlich lange Fasern, die wiederum Einfluss auf die Qualität des Papieres bzw. des Kartons und den Recyclingprozess selbst haben. Getränkekartons und andere papierbasierte Verbundverpackungen müssen zur Fasergewinnung beispielsweise länger im Wasserbad aufgelöst werden. Bisher werden also Getränkekartons und andere Papiersorten separat gesammelt, da sie so in den dafür konzeptionierten Anlagen jeweils am besten recycelt werden können. Die neuen innovativen Technologien zur Auflösung von Papierfasern, können verschiedene Papiersorten verarbeiten. Das bedeutet, dass die Papierfabrik nicht mehr nur auf eine bestimmte Sorte Altpapier festgelegt wäre.

Zusätzlich bieten die Technologien noch eine weitere spannende Möglichkeit: Falls gewünscht, sortiert sie erst nach dem Auflöseprozess die unterschiedlichen Faserqualitäten. Das heisst, alle papierbasierten Verpackungen könnten gemeinsam gesammelt werden. Im Recyclingprozess werden anschliessend die unterschiedlichen Fasern sortiert. Diese neue Technologie könnte für einen Paradigmenwechsel sorgen, denn sie löst ein Problem auf innovative Weise: Statt die Konsumenten mit neuen Regeln der Trennung zu verwirren, passt man das Sammelsystem an die Technologie an. Damit könnte eine neue Systematik im Wertstoffstrom entstehen. Für den Konsumenten bedeutet dies eine einfachere und logischere Trennung seiner Verpackungen.


Was meinen Sie damit genau?

Ich erkläre das gerne an einem anderen Beispiel, da ich ursprünglich aus der Milch-Wirtschaft komme. Dort wurde einst definiert, dass eine Trinkmilch exakt 3.5 % Fettgehalt haben muss. Nun beeinflussen aber natürlich verschiedenste Faktoren die Kuh und deren Milch. Es wird nie gelingen, die diversen Einflüsse so zu regulieren, dass die Kuh bzw. ihre Milch immer genau den gleichen gewünschten Fettgehalt hat. Und das gilt ja nicht nur für diese Kuh, sondern ist die natürliche Individualität aller Tiere.

Ein Weg, bei dem trotz individueller Einflüsse ein klar definiertes Produkt mit konstant zuverlässigen Eigenschaften entsteht, ist es, die Milch erst nach dem Melken zu bearbeiten. Aus Rahm, der dann vielleicht übrig bleibt, kann z. B. Schlagsahne hergestellt werden. Da gibt es noch viele andere schöne Beispiele, wie man aus der Individualität der Natur am Ende dennoch massgeschneiderte Produkte bekommt.

Ein simples Beispiel, das zeigt, dass Lösungswege an verschiedenen Stellen andocken können und so oft ganz neue Ansätze sichtbar werden. Man verbessert z. B. nicht nur traditionelle Techniksysteme, sondern prüft kritisch den Wertschöpfungsprozess als Ganzes. So wird Technologie innovativ und an neuen Stellen optimiert.


Das klingt sehr spannend. Wie realistisch ist der Ansatz der Faseraufbereitung?

Die Technologie ist bereits an einzelnen Standorten im Einsatz und zeigt vielversprechende Möglichkeiten auf. Ob und wie genau sie sich langfristig durchsetzen wird, sehen wir erst in der Zukunft.


Dabei gilt es vor allem, alte Strukturen aufzubrechen und Raum für diese neuen Ansätze zu schaffen. Etwas, das nicht ganz einfach ist.

Und da, wo noch keine festgefahrenen Strukturen bestehen, haben wir die grosse Chance, den Weg so zu ebnen, dass er das Beste aus den Erfahrungen der Vergangenheit, den Schwächen anderer Systeme und den neuen Möglichkeiten vereint. Ausprobieren war dabei schon immer ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg. Und es entwickeln sich gerade vielerorts zahlreiche spannende Technologien, die ebenfalls neue Wege eröffnen können. Dabei geht es nicht um die Verdrängung gut funktionierender Systeme, sondern um zusätzliche Möglichkeiten der Prozessoptimierung.


Warum gerade jetzt?

Da spielen im Wesentlichen zwei Faktoren zusammen: Markt und Politik. Ein Beispiel: China hat seine Grenzen für Abfälle und Wertstoffe aus anderen Ländern kurzfristig, aber konsequent geschlossen. Das hatte zur Folge, dass sich in den vorherigen beispielsweise europäischen Lieferländern grosse Abfallbestände und Berge aus sortierten Wertstoffen gebildet haben. Diese Länder müssen nun selbst zusätzliche Verwertungskapazitäten aufbauen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen und ist eine Herausforderung im Hinblick auf alle Materialien. Denn der chinesische Importstopp zieht eine Kettenreaktion nach sich, wie beispielsweise abstürzende Altpapier-Preise.

Zum anderen hat Europa zeitgleich eine neue politische Richtung festgelegt und erste Regulationen bereits eingeführt. Gesetze, die besagen, dass Abfall vermieden, besser gesammelt und sortiert sowie Stoffkreisläufe mittels Recyclings geschlossen werden müssen.

Die Politik und die zunehmende Sensibilität der Verbraucher für Klimaschutz treiben technische Innovationen rasant an. Ich bin sicher, dass wir in den nächsten Jahren noch viel Spannendes sehen werden. Dabei müssen wir emotional gesteuerte Übertreibungen und Fehlentwicklungen vermeiden, um die ökologische Gesamtbilanz positiv zu halten.


Was können wir aus dem Ansatz der Faseraufbereitung auch für andere Materialien lernen?

Früher hiess es «Thinking out of the box» – in unserem Fall heisst es wohl eher «Thinking out of the value chain». Neben der erfolgreichen Weiterentwicklung von Recycling-Technologien braucht es auch eine kritische Überprüfung der etablierten Prozess-Schritte.

Das gilt für alle Materialströme, neue und alte.


Für eine erfolgreiche und nachhaltige Kreislaufwirtschaft müssen wir jeden Schritt hinterfragen: Huhn oder Ei, – Verpackung oder Recycling-Technologie? Beides zugleich? Oder noch früher ansetzen?

Und wir müssen kluge Fragen stellen: Unterstützt das Verpackungsdesign den Verbraucher bei der Abfalltrennung? Sind Sammelsysteme sowohl sinnvoll für die Sammelrate als auch für die Qualität des Gesammelten? Stichwort: organische Abfälle. Ist es ökologisch sinnvoll, auch «dem letzten Joghurtbecher» hinterherzulaufen? Sind die Verwertungsanlagen auf die zunehmend variierenden Materialien vorbereitet? Ist ein mögliches neues Rohprodukt wirklich sinnvoll und wettbewerbsfähig?


Die Möglichkeiten für Optimierungen sind nahezu unendlich. Nichts zu unternehmen, wäre aber garantiert fahrlässig und falsch. Es sind eigentlich Lösungen aller Probleme vorhanden, doch wir müssen sie nun auch an die Bedürfnisse der Verbraucher anpassen. Und noch wichtiger: Verpackungen müssen nicht nur gut recycelbar sein, sondern an erster Stelle ihren Dienst tun: Inhalt schützen und haltbar machen.


Herzlichen Dank, Herr Brandl.






Hintergrundinfos zu EXTR:ACT und Michael Brandl EXTR:ACT e.V. – driving value from multimaterial recycling. Setzt sich ein für Prozesse rund um gebrauchte Getränkekartons und andere papierbasierte Verbundverpackungen in Europa. Kümmert sich um Entwicklung, Aufbau und Organisation der Sammlung und Sortierung, sowie um das Recycling einschliesslich der Verwertung der Sekundärrohstoffe.


Michael Brandl

Der studierte Agrar-Ökonom war viele Jahre in verschiedenen Organisationen für die Nahrungsmittelindustrie, vor allem im Bereich Milch, aktiv. Neben Presse und Öffentlichkeitsarbeit bildeten u.a. Verpackung und Entsorgung seine Schwerpunkte. Seit über 10 Jahren engagiert er sich für die Getränkekartons und deren stoffliche Wiederverwertung sowohl auf deutscher als auch seit einiger Zeit auf europäischer Ebene. Er ist trotzdem noch keine 60 Jahre alt und hat Schuhgrösse 45.


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