Inspiration aus Belgien für die Schweiz

Aktualisiert: 22. Dez 2020

FostPlus, die belgische Produzentenverantwortungsorganisation (PRO) für Haushaltsverpackungen, hat es geschafft in einem föderalistischen Staat eine einheitliche und flächendeckende Sammlung aufzubauen.

© FostPlus


Um eine umweltfreundliche Schliessung der Kreisläufe zu erreichen, sind neue Rahmenbedingungen nötig. Die erweiterte Produzentenverantwortung (EPV) wird nicht nur von der Wissenschaft als vielversprechende Rahmenbedingung für eine ganzheitliche Kreislaufwirtschaft anerkannt, in der Mehrheit der EU-Länder ist seit mehreren Jahren ein EPV-System für Verpackungsabfälle in Kraft. Die Schweiz muss das Rad nicht neu erfinden. Sie kann von den Erfahrungen ihrer Nachbarländer lernen. Es lohnt sich für die Schweiz das belgische EPV-System unter die Lupe zu nehmen: Beide Länder haben ein föderalistisches politisches System und in beiden Fällen gehen Wirtschaftsakteure mit verschiedenen Sprachregionen um. Im Gespräch mit dem Experten des belgischen Systems Frank Vandewal, Tetra Pak Verantwortlicher für die Sammlung in Europa und in Zentralasien und ehemaliges Vorstandmitglied von FostPlus, haben wir die Kreislaufwirtschaft von Belgien im Detail untersucht.


FostPlus, die belgische Produzentenverantwortungsorganisation (PRO) für Haushaltsverpackungen, hat es geschafft in einem föderalistischen Staat eine einheitliche und flächendeckende Sammlung aufzubauen. Das EPV-System ist aus einer freiwilligen Initiative der beteiligten Wirtschaftsakteure entstanden. Dank der breiten Unterstützung aller Stakeholder stützt sich das System heute noch auf die damaligen Grundlagen, welche vor mehr als 25 Jahren vereinbart worden sind. Belgien hat in 2018 84% (1) des gesamten Verpackungsmaterials recycelt und liefert jährlich eine konstante Menge von getrennten und sortenreinen Materialien an den europäischen Recyclingmarkt (2).


Im Folgenden erfahren Sie, wie Belgien mit dem regionalen Abfallmonopol umgegangen ist, eine breite Beteiligung der Wirtschaft gewonnen hat und zum vertrauenswürdigen Zulieferer von sortenreinen Materialien geworden ist.

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Der Föderalismus als Chance

Die belgische föderalistische Demokratie besteht aus drei Regionen: die Wallonische Region, die Region Flandern und die Hauptstadt Brüssel. Die Bundesregierung ist für bestimmte Gebiete und Aufgaben verantwortlich und verabschiedet Gesetze, welche für das ganze Land gültig sind. Die drei Regionen sind wie die Schweizer Kantone für viele Themen und Bereiche eigenständig handlungsfähig und verabschieden ihre eigene Gesetzgebung (3). Die Regionen sind zum Beispiel für das Abfallmanagement verantwortlich. Die Gemeinden besitzen ein Abfallmonopol. Sie entscheiden über die Verwaltung und die Entsorgung des erzeugten Abfalls in ihrer Region.


Es stellt sich daher sowohl in Belgien als in der Schweiz die Frage, wie eine einheitliche flächendeckende Sammlung trotz Abfallmonopol aufgestellt und verbreitet werden kann.

FostPlus hat unter Beachtung der Abfallhoheit eine flexible Lösung entwickelt. Die Gemeinden wählen dabei zwischen einer von FostPlus bereitgelegten Sammlung und einer eigenen Lösung. Die PRO stellt klare Anforderungen für ihre einheitliche Sammlung und die Gemeinden entscheiden, ob sie diese Sammlung anwenden möchten. Die Aufwendungen der einheitlichen Sammlung werden von FostPlus vergütet. Kosten, welche durch eine Abweichung vom Standardangebot entstehen, werden von den Gemeinden getragen. FostPlus arbeitet mit den interkommunalen Verbünden zusammen, um ihre einheitliche Sammlung flächendeckend zu organisieren. Dank den Anstrengungen der PRO hat das ganze Land Zugang zu einem einheitlichen Sammelsystem, unabhängig vom Wohnort (4). Mit der angebotenen einheitlichen Sammlung behält die PRO den Überblick über die Materialflüsse und kontrolliert das Material entlang der gesamten Verwertungskette. Sie verkauft die sortenreinen Granulate an Recycling-Unternehmen in Europa und investiert die Erlöse in die Kostendeckung und in die Optimierung des EPV-Systems (5).

Eine freiwillige WIN-WIN Lösung der Wirtschaft

Bevor die belgische Regierung den Verpackungsmarkt reguliert hat, haben 1994 mehrere Wirtschaftsakteure, hauptsächlich Brand-Owner, die Organisation FostPlus gegründet (6). Ihr Ziel seit Beginn war es, die damalige Recycling-Landschaft neu zu strukturieren und eine nationale Lösung für alle Verpackungsmaterialien zu erarbeiten. Sie führten rasch die ersten Kunststoff-, Metall- und Getränkekarton-Sammelsäcke ein und verbesserten die Strukturen der existierenden Sammlungen von Altglas, Papier und Karton.

Den grössten Inverkehrbringern gelang es, eine breite wirtschaftliche Unterstützung für den Aufbau eines neuen Recycling-Systems zu gewinnen.


«Dank der Gründung von FostPlus und des EPV-Systems ist es den Inverkehrbringern gelungen, von einer teuren staatlichen Öko-Steuer auf Verpackungen befreit zu werden» erklärt Frank Vandewal.

Eine weitere Motivation für die Gründung von FostPlus war die 1994 verabschiedete EU-Richtlinie über Verpackungsabfälle (7). Es war damals offensichtlich, dass die EU-Richtlinie in den folgenden Jahren ein EPV-System für Verpackungen in Belgien erfordern würde. Die Wirtschaft hat dank FostPlus das zukünftige nationale Gesetz geprägt und eine effiziente umweltfreundliche Lösung in Betrieb gebracht. Als das nationale Gesetz 1998 in Kraft trat, bekam FostPlus wie zu erwarten die offizielle Genehmigung das EPV-System zu betreiben (8). FostPlus hat es geschafft, zum im richtigen Zeitpunkt und von Anfang an alle Stakeholder einzubeziehen, ihre Interessen zu berücksichtigen und gemeinsam eine WIN-WIN Situation zu entwickeln - Ein beachtliches Beispiel für die Schweiz, wo wirtschaftliche Lösungen in vielen Bereichen angestrebt werden.


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Qualität für den internationalen Recyclingmarkt

Die Verpackungen in Belgien und in der Schweiz werden oft im Ausland und nicht ausschliesslich für diese zwei Märkte hergestellt. Viele Brand-Owner vermarkten dieselben Verpackungen in vielen europäischen Ländern, inklusive Belgien und der Schweiz. Die Kunst für beide Länder besteht darin, trotz der beschränkten Grösse ihrer Märkte qualitativ hochwertiges Recyclingmaterial für den internationalen Verpackungsmarkt zu liefern. Belgien ist es gelungen ein zuverlässiger Zulieferer von getrennten sortenreinen Verpackungsmaterialien für den europäischen Recyclingmarkt zu werden. Wie von Frank Vandewal beschrieben, wissen die Abnehmer, dass die Qualität der belgischen Materialien ausgezeichnet ist und sie vertrauen FostPlus dieses Qualitätsniveau in Zukunft einzuhalten und sogar zu verbessern.

FostPlus verkauft die Materialien nach der Sortierung und der Trennung. Bei manchen Materialien erzielt die PRO einen Gewinn beim Verkauf des getrennten Materials. Die Verwertungs-Unternehmen tragen dabei selbst die Verantwortung, die Recycling-Outputs an europäische Verpackungsproduzenten oder an Abnehmer von recyceltem Material weiterzuverkaufen.

In Belgien gibt es nur wenige Recyclingunternehmen. Das Material wird in den meisten Fällen in Nachbarländern verwertet. Um die nationale Recyclinglandschaft zu stärken, wurde kürzlich entschieden, in Recyclingtechnologien für die neu gesammelten Kunststoffverpackungen zu investieren. In Zukunft möchte Belgien mehr Material im Inland verwerten (9).



Quellen: (1) IVCIE (2019). Rapport d’activités 2019. Abgerufen am 25.11.2020, von https://www.ivcie.be/fr/category/telechargements/. (2) Der EU-Recyclingdurschnitt von Verpackungsmaterial lag in 2017 bei 67%, gemäß Eurostat. Der Vergleich von Recyclingquoten ist jedoch schwierig und oft unzuverlässig, da die Berechnungsmethoden innerhalb der EU-Mitgliedstaaten bis 2018 nicht harmonisiert waren. Belgien berechnet ihre Recyclingquote gemäss der harmonisierten europäischen Berechnungsmethode, welche 2018 in Kraft kam. Die Kennzahl bezeichnet den Materialinput bei den Recyclingunternehmen. (3) Swenden, W., Brans, M., De Winter, L. (2006). The Politics of Belgium: Institutions and policy under bipolar and centrifugal federalism. West European Politcs, 29 (5), 863-873. (4) FostPlus (2020) Rapport annuel 2019. Abgerufen am 09.12.2020, von http://com.fostplus.be/rapportdactivite2019fr/le-nouveau-sac-bleu/

(5) IVCCIE (2018) Agrément FostPlus. Abgerufen am 09.12.2020, von https://www.ivcie.be/fr/category/telechargements/

(6) FostPlus (2020) Notre Histoire. Abgerufen am 09.12.2020, von https://www.fostplus.be/fr/a-propos-de-fost-plus/organisation/histoire

(7) Richtlinie 94/62/EC des Europäischen Parlaments und des Rates von 20. Dezember 1994 über Verpackungen und Verpackungsabfälle. Abegrufen am 09.12.2021, von https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:31994L0062&from=EN (8) FostPlus (2020) Notre Histoire. Abgerufen am 09.12.2020, von https://www.fostplus.be/fr/a-propos-de-fost-plus/organisation/histoire

(9) FostPlus (2020) Rapport annuel 2019. Abgerufen am 09.12.2020, von http://com.fostplus.be/rapportdactivite2019fr/le-nouveau-sac-bleu/




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